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Planung: Was der Gotthard-Basistunnel mit einer Weihnachtsfeier gemeinsam hat





Der Gotthard-Basistunnel (GBT) ist eine planerische Meisterleistung, manche sprechen sogar von einem Wunder. Ganz so weit geht der Projektleiter Peter Jedelhauser zwar nicht. Aber stolz ist er schon auf die Arbeit, die in erster Linie durch ein Größtmaß an Effizienz geprägt war.
Der offizielle Baubeginn der Gotthard-Basistunnels war 1993. Das offizielle Bauende wiederum sollte im Dezember 2016 sein. Im Zeitalter peinlicher Flughafenfehler in Berlin und sich ewig hinziehender Baumaßnahmen an einem hochmodernen Konzerthaus in Hamburg sind derlei Ziele scheinbar nicht erreichbar. Wir wissen doch heute, dass Planung und Umsetzung immer wieder in einem knisternden Spannungsfeld zueinander stehen. Nun konnte aber der Tunnel in der Schweiz sogar noch vor Jahresende eröffnet werden. Da liegt die Frage nahe: Wie ist das bloß möglich?
Die Ausgangslage …
war alles andere als einfach. Gebirgsentwässerungen waren ebenso ein Problemfeld wie Bergwasserzuflüsse, denn beides hätte erheblichen Einfluss auf den Tunnelbau nehmen können. Umso wichtiger war eine genaue Risikoanalyse der Ausgangssituation. Schon hier zeigt sich die ganze logistische Leistung der Planer, die vor dem Baubeginn alle Eventualitäten in ihre Überlegungen haben einfließen lassen. Etwas süffisant könnte man sagen, dass vergleichbare Projekte, die scheiterten, gut daran getan hätten, mehr Augenmerk auf die Startlöcher zu richten und weniger an den großen Tag der Eröffnung zu denken. 
Der Projektleiter plaudert aus dem Nähkästchen
Peter Jedelhauser, der Projektleiter der SBB, arbeitet vornehmlich von seinem Büro in Luzern aus. Es kann als Schaltzentrale betrachtet werden, von wo aus im Wesentlichen zwei Fragestellungen jeden Tag aufs Neue im Vordergrund stehen. Die erste lautet: „Wo kann das nächste Problem auftreten?“ Und die zwei heißt: „Welche Lösung habe ich?“
Klingt schlüssig und nachvollziehbar, doch dahinter steckt ein enormer Aufwand, der nur wirksam betrieben werden kann, wenn alles in den Dienst der Effizienz gestellt wird. Umso überraschter war der Journalist, der ein Interview mit Jedelhauser führen konnte, als er sah, dass alles Wichtige auf einem Poster zusammengefasst war. Verständlich daher seine Frage an den Projektleiter, wie ein so großes Projekt mit so geringem Aufwand realisiert werden könne. Das sehe ja aus wie die Planung für „eine etwas größere Weihnachtsfeier“, staunte der Journalist. Damit lag er allerdings gründlich daneben, denn was wie die Planung einer kleinen Fete wirkte, umfasst unter anderem rund 1.600 Meilensteine, einer wichtiger als der andere. Jedelhauser betont, dass auf der einen Seite ein Größtmaß an Übersicht wichtig ist, um schnell einen Blick auf das große Ganze zu haben. Andererseits aber jedes Details geplant werden muss. Das funktioniert nur, wenn die Arbeit präzise aufgeteilt und jeder Bereich genau definiert wird. 
Der Zug als Was-passiert-dann-Maschine
Sicher kennen Sie noch den Klassiker aus der Sesamstraße, in dem Kermit der Frosch seine revolutionäre Was-passiert-dann-Maschine vorstellt. Ziel des kleinen grünen Frosch-Dozenten ist das Einschalten seines Radios mittels eines Sandsacks, einer Wippe und eines mit Helium befüllten Ballons. Es ist allgemein bekannt, dass das Experiment gründlich scheiterte. Nichts geschah so, wie von Kermit geplant, und am Ende war die Wippe zerbrochen und das Radio flog mit dem Ballon davon.
Bei der Planung des Gotthard-Basistunnels gingen Jedelhauser und sein Team im Prinzip ähnlich vor wie Kermit. Sie planten mögliche Szenarien und erstellten so eine umfassende Risikoanalyse. Diese Arbeit nach dem „What-if“-Prinzip verhalf den Fachleuten schon im Vorfeld zu wichtigen Erkenntnissen über mögliche Probleme und Fehler. 
Doch der entscheidende Unterschied zu anderen Projekten ist wohl auch das, was den Erfolg des Gotthard-Basistunnels ausmacht. Der Fokus lag nämlich nicht bei der Frage, was technisch möglich ist (diese Fragestellung folgte erst im nächsten Schritt), sondern was der Kunde will, was ihn zufriedenstellt, ja, glücklich macht. Oft stehen bei Bauvorhaben die technischen Möglichkeiten im Vordergrund, auf Grundlage derer analysiert wird, ob diese Rahmenbedingungen zu den Wünschen des Kunden passen. Der Kunde steht also gewissermaßen erst an zweiter Stelle, er muss sich den Gegebenheiten anpassen. Nicht so beim GBT. Jedelhauser stellte zunächst die Frage, was der Kunde braucht, damit das Projekt in seinen Augen erfolgreich ist. Zum Beispiel einen verlässlichen und ausgereiften Fahrplan, aber auch Zulaufstrecken für Mehrverkehr. Darauf aufbauend stellten sich die Fragen nach dem optimalen Einsatz des Stroms, die nach neuem und bestehendem Rollmaterial und nicht zuletzt die nach dem Personal für den Personen- und Güterverkehr. Sie sehen: maßgeblich bei den Planungen war der gesunde Menschenverstand, der sich an dem orientiert, was für einen Tunnel dieser Größenordnung wichtig ist. 
Alle mitnehmen
Doch woran liegt es, dass der Gotthard-Basistunnel so reibungslos gebaut werden und auch noch früher als geplant fertiggestellt werden konnte? Jedelhauser gibt eine sehr nachvollziehbare Antwort: „Wir mussten nie über die politische Legitimation diskutieren.“
Was er meint, ist die breite Unterstützung seitens der Schweizer. Während bei anderen Großprojekten im Vorfeld nicht daran gedacht wird, dass das Vorhaben auch auf Ablehnung stoßen könnte (was dann in der Folge zu regelmäßigen Verzögerungen führt), standen für den Gotthard-Basistunnel praktisch alle hinter der Idee.
Zusammenfassend lässt sich festhalten: 
·        Präzise Planung ist alles. Daher ist eine gründliche Risikoanalyse so wichtig. Fehler bzw. potenzielle Fehler so früh wie möglich zu erkennen, ist unabdingbar, um auf möglichst viele Eventualitäten vorbereitet zu sein. 
·        Ohne Arbeitsteilung läuft nichts. Die rund 1.600 Meilensteine, die sich aus dem Bau des Gotthard-Basistunnels ergaben, mussten nicht nur verfasst, sondern auch auf das gesamte Team verteilt werden. Wenn jeder weiß, was zu tun ist und Fehler und Probleme offen benannt werden, lassen sich Störungen schneller und effizienter beheben (denn ein Großprojekt, das völlig ohne Störungen auskommt, gibt es nicht).  
·        Der gesunde Menschenverstand darf nie fehlen. Die rein technisch-akademische Herangehensweise ist meist nicht im Sinne des Kunden. Vielmehr muss der Ansatz sein, die Kundenbedürfnisse zu analysieren und daraufhin das technisch Mögliche zu erarbeiten. 

Der Gotthard-Basistunnel zeigt, dass es tatsächlich noch Großprojekte gibt, die sich erfolgreich realisieren lassen. Er zeigt aber auch, dass eine bedarfsorientierte Planung und der Ansatz, alle Beteiligten an den Prozessen zu beteiligen, von enormer Bedeutung sind. Hierbei geht es in erheblichem Maße um Identifikation mit dem Projekt, die vom Projektleiter bis zum Arbeiter reichen muss. Eines der Geheimnisse beim Bau des Gotthard-Basistunnels ist die Tatsache, dass die Arbeitsteilung nicht nur bis ins kleinste Detail alle Beteiligten betraf, sondern dass jeder noch so kleine Schritt in seiner Wichtigkeit erkannt wurde. 
Peter Jedelhauser hat übrigens auch für sich persönlich etwas gelernt. Denn er behauptet keineswegs, dass die Realisierung des GBT für ihn eine leichte Angelegenheit war. Oft konnte er nicht schlafen, nahm Arbeit gedanklich mit nach Hause und grübelte darüber, was alles schieflaufen könnte. Nachdem das Projekt abgeschlossen war, kam er nicht nur eine Weile zur Ruhe. Er lernte auch, hin und wieder mal völlig abzuschalten. 
Ich glaube, ich kann das heute besser als früher“, sagte Jedelhauser im Interview. Man hört deutlich heraus, dass er wohl das Gefühl hat, auch auf diesem Gebiet noch „Luft nach oben“ zu haben.




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