Donnerstag, 10. September 2015

Gewaltfreie Kommunikation (GFK) – Sprache des Herzens – „Giraffensprache“






Kommunikation findet überall dort statt, wo Menschen aufeinander treffen, mit einander arbeiten oder familiären Umgang pflegen. Der verbale Austausch ist somit die normalste, durchaus wichtigste – und, leider, wie unschöne Beispiele zeigen, auch manchmal schwierigste Sache der Welt! Nämlich genau dann, wenn Sender und Empfänger sich missverstehen und der gepflegte Gesprächsaustausch aus den Rudern gerät. Feindseeligkeiten und bösartige Wortattacken besitzen die unangenehme, auch unvorteilhafte Eigenschaft zu zermürben, die Familienidylle zu stören, das Arbeitsleben unerträglich zu machen und enden nicht selten in einer auswegslosen Eskalation. Das Zünglein an der Waage ist und bleibt die Toleranz und die Weitsicht. „Nimm dein Gegenüber richtig wahr, erkenne seine Beweggründe, finde heraus, warum er so tickt, wie er tickt und stell dich auf ihn ein“ lautet die Devise. Denn nichts anderes erwarten wir auch von ihm. Mit ein Stückchen mehr Achtsamkeit uns selbst und dem Anderen gegenüber hat Kommunikation in Zukunft die Chance gewaltfrei verstanden zu werden. Denn nichts ist dramatischer wie starre Kommunikations-Selbstläufer, welche oftmals erst dann gewillt sind die Richtung zu ändern, wenn Fäuste fliegen oder psychischer Schaden entsteht.

Konzept: Gewaltfreie Kommunikation. Was steckt dahinter?

Unter Gewaltfreier Kommunikation (GFK) verstehen wir ein Konzept für ein besseres Miteinander auf verbaler, menschlicher Ebene. Diese Methode darf letztlich zu einem guten Kommunikationsfluss, zu mehr Vertrauen und Lebensfreude, gerade auch im Arbeitsalltag führen. Entstehende Konflikte sollen hierbei schon im Vorfeld ausgeräumt, sozusagen „gesund gepflegt“ werden. GFK zielt auf mehr Kooperation, mehr gemeinsam erlebte Kreativität ab und wird nicht umsonst als „verbindende Kommunikation“ bezeichnet. Aktives Zuhören und ein über den gesprächstherapeutischen Rahmen reichendes Achtsamkeitsmodell sorgen bei konsequenter Beachtung der „Spielregeln“ für eine vielfach geforderte Gewaltfreiheit in unseren Familien, auf unserer Arbeit und im Alltag allgemein.

Schlange und Giraffe – Gift und Tücke versus Weitsicht und Toleranz

Die  „Schlange“ symbolisiert in abstrakter Weise die „giftige“, also negative Form der Kommunikation. Absichtliche Demoralisierung mit scharfzüngigen Worten, ungültige Vergleichsziehung, das Stellen von teils unfairen, nicht nachvollziehbaren Forderungen und das überhebliche, bösartige Urteilen über Arbeitskollegen, Nachbarn, die Ex-Frau – oder auch den Briefträger, welcher gewiss nur unsere Post bringen möchte und rein gar nichts dafür kann, wenn ein „Liebesbrief“ der Behörde darunter ist!

Die „Giraffe“ steht bildlich gesehen für Weitsicht, Achtsamkeit und Gutmütigkeit. Ihr langer Hals lässt sie weit in die Zukunft schauen. Drum agiert sie stets behutsam, auch vorausschauend. Sie besitzt ein warmes Herz. Hinterhältigkeiten sind ihr fremd. Ihr Heil ist die Harmonie. Auf ihrem guten, achtsamen Gemüt basiert auch das Grundmodell der GFK. Wichtig laut GFK ist zunächst die präzise Beobachtung eines Geschehens, das neutrale Beschreiben der Handlung – ohne eine persönliche Bewertung mit einfließen zu lassen. Diese „nüchterne“ Sichtweise soll verbale „Ausrutscher“ schon im Vorfeld ausbremsen. Emotionen, welche in der Beobachtungsphase hochkommen, sind oftmals ganz eng an bestimmte Bedürfnisse (Kontakt, Verständnis, Sicherheit…) gekoppelt. Der Indikator Emotion zeigt, ob ein Bedürfnis befriedigt oder vernachlässigt wurde. Anhand von Bedürfnissen können alle Beteiligten einen gemeinsamen, kreativen Weg finden und zur gewaltfreien Kommunikation finden.

Unterschieden wird laut Rosenberg zwischen: gewaltfreier Kommunikation, lebensentfremdender Kommunikation und empathischer Reaktion auf lebensentfremdende Kommunikation.


Gewaltfreie Kommunikation – von Theorie und Wirklichkeit

Viel fundierte Theorie. Schauen wir doch einfach mal ein wenig hinter die Kulissen des lebendigen Miteinanders, der Realität. Für wahr ist GFK ein grandioses Konzept. Würden alle Menschen GFK Gehör schenken, wäre unsere Welt eine bessere. Alles Drumherum wäre in Watte gepackt und wahrscheinlich auf Dauer schrecklich eintönig!
Sicher ist ein empathisches Miteinander wünschenswert. Dennoch stellt sich die Frage, wie sich dieser synthetische „Weichspüler“ in unsere stressige, schnelllebigen Zeit umsetzbar integrieren lässt. Dies wiederum bedeutet: mehr stressfreie Pufferzonen schaffen, welche Gewalt-Kommunikationen eventuell vorbeugen. Denn generell gilt: Unentspannte Menschen schaffen es zwar, sich im Notfall mit spitzen Worten zurückzuhalten, aber irgendwann platzt ihnen dann doch der berühmte Kragen und alle guten Vorsätze sind dahin.

Gewaltfreie Kommunikation – Verhaltensmuster auf den Lemming gebracht!

Menschen pure Empathie einzuimpfen, eine Art Konditionierung anzustreben, widerstrebt Mutter Natur. Wir alle sind verschieden und ein Empathie-Selbstbedienungs-Baukasten wird daran auch nicht das Geringste ändern. Bevor Menschen definitiv bereit sind, sich zum Wohle der gesamten Gemeinschaft freiwillig zu verbiegen, endlos viel Zeit mit Nachdenken zu verbringen um sich dabei innerlich doch nicht ganz d’accord zu fühlen, gehen viele lieber stiften. Wie also dürfen wir diese positive Verhaltensanpassung verstehen?
Erwartet uns demnächst etwa ein „Lexikon-Dasein“? So à la: Wenn XY das sagt, fühlt er sich wohl ABC und dies hat bestimmt damit zu tun, dass seine MNO kein Parfum trägt und sein Hamster hustet. Also, schaue ich schnell nach, was ich XY empathisch entgegne, achte natürlich währenddessen darauf, wie ich mich dabei fühle und komme mir letztlich vor wie der Mann im Mond. Mein inneres Versuchslabor kollabiert und ich suche mir schnell eine dunkle Ecke, wo ich mich nach meiner unterdrückten Lachattacke von einem deftigen Zwerchfellbruch erholen darf. Oder noch subtiler. Wir beginnen Empathie zu klonen, Antworten und Fragen vorher abklären zu lassen... Nein, noch besser: ich lasse mein Gegenüber gleich die Antwort geben, welche er gerne hören würde. Nur umgekehrt wird es dann wieder diffizil.

Wobei ich immer noch nicht ganz verstehe, was Gewalt mit Kommunikation zu tun hat? Ironie, Sarkasmus, eine witzige Argumentation befördern den Arbeitskollegen ja nicht gleich in die Klapse, wo er mit Beruhigungspillen vollgepumpt, auf seine befreiende Versetzung wartet?

Fazit:

Mensch, wo leben wir denn? Ist es wirklich so schlimm, dass wir Erdenbürger uns manchmal missverstehen, etwas in den falschen Hals bekommen oder uns einfach nur zu viele Gedanken machen?

Richtige Gewalt fühlt sich ganz anders an und diese beginnt bestimmt nicht mit dem unreflektierten Satz: „Was haben Sie denn hier zu sagen?“

Was ich nicht hören will, höre ich einfach nicht. Natürlich nehme ich die Aussage meines Kollegen wahr, dennoch schwenke ich spontan zur Lösungsfindung um, in welche ich mein Gegenüber ganz selbstverständlich mit einbeziehe. Wir legen unsere Meinungen zusammen, picken uns die beste Strategie raus  und schon gehe ich einem „Streitgespräch“ entspannt aus dem Weg. Ich glaube damit dürften alle Beteiligten gut arbeiten können, ohne dabei auch nur ansatzweise ihr ehrliches Gesicht zu verlieren.

Also: don’t worry, be happy! Vorgespielte, gar einprogrammierte, empathische Kommunikation kann trügen und führt nicht immer zum gewünschten Erfolg. Aber, keine Sorge. Wir bekommen das schon hin! Denn eigentlich, ja eigentlich benehmen wir uns von Natur aus verbal doch recht gut und gehen in der Regel auch angenehm gesittet miteinander um. Von „Untergangsstimmung“ keine Rede. Die Kommunikation in all ihren Facetten lebt und gedeiht. Das große Schweigen bleibt weiterhin aus!